ARTMUC Digital – Ein Interview mit Kuratorin Betty Mü

Mit der Kunstmesse ARTMUC hat Raiko Schwalbe, Initiator der Stroke Art Fair, 2014 eine sehenswerte Produzentenmesse ins Leben gerufen, die besonders junge, zeitgenössische Künstler fördern soll. In diesem Jahr gibt es dort zum ersten Mal den Bereich ARTMUC DIGITAL zu sehen, der Künstlern aus dem Bereich der Medienkunst eine exklusive Plattform bietet. Wir haben bereits vor der ARTMUC 2016 mit Videokünstlerin und Kuratorin Betty Mü über dieses neue Format gesprochen.

Über Dich?

Ich bin Betty Mü, Künstlerin und mache Video- und Lichtinstallationen. Der Name Betty kommt von Bettina und das Mü von Müller – nicht von München, wie viele denken.

Über Dich und München?

Ich mag München, denn hier hat man immer ein bisschen das Gefühl von Urlaub, vielleicht, weil ein Drittel von München aus Grünflächen besteht. An einem schönen Tag in München herumzulaufen, über den Viktualienmarkt zu schlendern, durch den Englischen Garten zu laufen – das ist einfach pures Urlaubsgefühl. Und in welchem anderen Stadtfluss kann man denn sonst baden? Die Isar ist einfach der Wahnsinn! Außerdem ist München für mich eine absolute Filmstadt mit der HFF, den Bavaria Filmstudios, großen TV-Sendern und dem Filmfest München.

München ist sehr kompakt und die Szene übersichtlich, was mir persönlich sehr gefällt. Natürlich kann man das auch negativ auslegen und sagen, dass manche Städte vielleicht einen stärkeren Underground-Touch haben, aber aufgrund der Größe der Stadt zerfließen diese vielen Strömungen oft und das passiert in München nicht.

Dein München. Eine Empfehlung?

Auf jeden Fall das „Unter Deck“ und das “Holy Home“ – beides sehr trashige Läden, die einfach cool und unprätentiös sind. Im „Unter Deck“ hängt außerdem seit zwei Jahren meine Videoinstallation „Salon der Vielfältigkeit“. München hat zudem viele nette Restaurants, wie zum Beispiel die Brasserie „Colette“, das „Corso“ oder das „Upper Eat Side“. Sehr gerne hänge ich auch in der Registratur Bar ab.

Du hast in München damit angefangen, im Harry Klein den Sound mit Visuals live zu untermalen. Wie hat sich denn deine Künstlerkarriere entwickelt?

Ich war sechs Jahre lang in den USA, was mich sehr geprägt hat. Ich wurde vor allem in New York City sehr inspiriert und habe mit der alten Super 8 Kamera von meinem Opa viel gefilmt. Diese Videos habe ich auf Partys mit einem Projektor projiziert. Ich war in der Elektro- und Glamrock Szene unterwegs und habe nebenbei für Events Flyer und Fotos gemacht. Zu der Zeit gab es in New York viele Startups, wodurch es eine sehr spannende und dynamische Zeit war.

Wieder zurück in München, haben Freunde von mir (ein kleines DJ Team) regelmäßig im Harry Klein aufgelegt. Der Club war damals schon bekannt für seine Visuals und hat damit die Stadt München und das komplette Dasein von Visuals in Clubs geprägt. So habe ich dort als VJ (Visual Jockey) gearbeitet und mich autodidaktisch in diese Materie eingearbeitet. Vom Harry Klein aus bin ich dann auch in anderen Clubs wie der Registratur sowie auf diversen Veranstaltungen europaweit gebucht worden.

© Christian POGO Zach

Installation für das Gärtnerplatztheater © Christian POGO Zach

Kannst du uns etwas zu den Inhalten deiner Videokunst erzählen?

Ich verstehe meine Installationen als konzeptionelle Raumverschönerungen, d.h. ich mache Dinge, die ich schön finde. Live-Visuals in den Clubs waren etwas sehr Kurzlebiges. Dahinter steckte sehr viel Arbeit und mit der Zeit fand ich es sehr unbefriedigend, dass die Visuals dann nur „im fliegenden Wechsel“ für ein paar Sekunden zu sehen waren. Irgendwann habe ich meinen Fokus auf feste Videoinstallationen gesetzt, weil meine Arbeiten so mehr Bestand haben und ich mit ihnen ein Gefühl vermitteln kann. Ich habe angefangen, mir Gebilde zu bauen, die ich mit Video bespielen kann, als Beispiel meine Installationen „parapluie“ und „REPLEX #2 HORIZONTAL“, die ich in den letzten Jahren auf der ARTMUC gezeigt habe.

© Florian Goberge

„parapluie“, ARTMUC 2014, © Florian Goberge

replex2_03_bettymu_com

„REPLEX #2 HORIZONTAL“, ARTMUC 2015

Ich fertige für meine Ideen zunächst immer Modelle, um zu prüfen, ob sie funktionieren können und baue sie dann im zweiten Schritt im Großen nach. Das kann in der gesamten Planung dann gerne mal zwei bis drei Monate dauern. Das Gerüst, also in meinem Fall die Projektionsfläche ist das Eine. Dazu kommt dann noch der Content, der auch gestaltet werden muss.

Neben meiner künstlerischen Tätigkeit mache ich auch kommerzielle Projekte, bei denen ich für Veranstaltungen die komplette Beratung und Konzeption für Licht- und Videokonzepte umsetze. Meine Kunst- Installationen zeige ich meinen Kunden als Repertoire, um ihnen ein Gefühl zu vermitteln, was auf einer Veranstaltung möglich wäre.

Digitale Kunst bzw. Medienkunst rückt immer stärker in den Fokus. Die große Medienkunstsammlung von Ingvild Goetz oder die digitale Kunstmesse „Unpainted“ zeigen das auch in München. Wie siehst du den Status dieser Kunstform gegenüber den „klassischen“ Formen wie Skulptur und Malerei?

Ich glaube, dass das Bewusstsein für diese Kunstform auf jeden Fall noch fehlt und man den Menschen hier viel mehr Präsentationsformen bieten muss. Gerade deshalb finde ich es sehr wichtig und gut, dass die ARTMUC in diesem Jahr das neue Format ARTMUC DIGITAL umsetzt.

artmuc_logo

Du kuratierst zusammen mit Cendra Polsner den Bereich ARTMUC DIGITAL. Auf welche Arbeiten dürfen wir uns in diesem Jahr freuen?

Dieses Jahr sind verschiedene Installationen von 7 Künstlern und Künstlerkollektiven zu sehen. Darunter ist Michael Acapulco, der bereits im letzten Jahr eine Videoarbeit gezeigt hat, mit „Give and get“ sowie seiner interaktiven Skulptur „Der Künstler“. Dann das Künstlerkollektiv „YEAH“, das eine spannende interaktive Installation zeigen wird. „pretty bloody simple“ zeigt ebenfalls eine interaktive Installation namens „Love Oracle“, bei der die Grenzen zwischen Kunst und Entertainment verschwimmen. Cendra Polsner zeigt mit „Panicroom“ ein Videoenvironment, das aus Kristallglas-Säulen besteht, auf die sie spannende Szenen projiziert. Mathis Nitschke hat außerdem einen Hörspaziergang als App entwickelt, der auch präsentiert wird. Ich habe mit dem Virtualisationskünstler Kray-C (Raimund Tischler), der mich bei allen meinen interaktiven Installationen unterstützt, die Arbeit „Dots“ ausgearbeitet, bei der der Betrachter gestaltender Bestandteil ist. Im gleichen Raum zeige ich meine Arbeit „Vortex“, bei der ich auf 23 runden Scheiben (zum Teil mit „Ambilight“) eine ständige Zustandsänderung von Zyklen mit einer hypnotischen Zeitschleife zeige.

Es heißt, der neue Bereich ARTMUC DIGITAL gibt schon einen Ausblick auf die ARTMUC 2017. Was ist damit genau gemeint?

Wir haben vor, die ARTMUC DIGITAL nächstes Jahr zu vergrößern, um einen noch größeren und spannenden Präsentationsraum für Video-, Licht- und Medienkunst zu bieten.

Was hältst du denn generell von Veranstaltungen wie der ARTMUC?

Meiner Meinung nach sind genau solche Veranstaltungen die Zukunft. Sie geben Künstlern, die sehr gut sind aber keinen Galeristen haben, die Möglichkeit, ihre Arbeiten zu zeigen, zu verkaufen und Kontakte zu knüpfen.

Wie geht es nach der ARTMUC weiter und welche Projekte stehen in nächster Zeit für dich an?

Nach der ARTMUC ist eine komplett neue Installation für das „Unter Deck“ geplant, worauf ich mich schon sehr freue. Ansonsten stehen noch einige Projekte an, über die ich im Moment allerdings noch nicht mehr sagen darf.

© Yorck Dertinger

„Salon der Vielfältigkeit“, Unter Deck, © Yorck Dertinger

Mehr über Betty Mü könnt ihr auf ihrer Website erfahren und natürlich ihre neuen Installationen ab Donnerstag, dem 2. Juni auf der ARTMUC DIGITAL auf der Praterinsel bestaunen. Die ARTMUC läuft bis zum Sonntag, den 5. Juni und präsentiert rund 100 Künstler aus der lokalen und internationalen Szene. Alles rund um die ARTMUC findet ihr hier.

Liebe Betty, vielen lieben Dank für das spannende Interview!

Dieses Interview ist Teil unserer Medienpartnerschaft mit ARTMUC.