Der Münchner Flohmarktjunkie

Zwar noch etwas zögerlich aber dennoch unaufhaltsam breitet sich der Frühling in München aus. Sonnenhungrige Studenten fangen an Ihre Reviere im Englischen Garten den Hundebesitzern wieder abzuringen, die unvermeidbaren Junggesellenabschiede schwappen durch Kaufinger- und Theatinerstraße und sogar der eine oder andere Anzugträger lässt sich in der Mittagspause verzückt in die Sonne blinzelnd dazu hinreißen, den obersten Kragenknopf dezent zu lockern. Doch in so mancher Wohnung werden Frühjahrsvorbereitungen der ganz anderen Art getroffen.

Der Daypack wird aus dem Schrank gekramt und auf seine Tauglichkeit hin überprüft, in den Tiefen von Schränken und Schubladen wird nach Zollstock und weiteren Tragetaschen gewühlt und zu guter Letzt wird das stadttaugliche Paar Lieblings-Sneaker einem schnellen TÜV unterzogen. Doch am Wichtigsten – und hier sei jegliche Individualphilosophie – außen vor gelassen, ist ausreichendes Kleingeld. Und fertig ist er: Der Flohmarktjunkie.

Mit dem Frühling beginnt auch wieder seine Jagdsaison. Wonach er so jagt, das entscheidet jeder für sich. Die Arten dieser Spezies sind recht mannigfaltig. Hier der Schüler, der via EBay seine ersten Einblicke in die freie Marktwirtschaft gewinnt, indem er vermeintlich seltene Trophäen zu Geld macht, die Crew, die vom Vorabend noch leicht desorientiert auf der Suche nach stylischem Zeug für die WG-Einrichtung ist, der Plattensammler, die Hobbyschneiderin oder der Bastler, der gerne alte Sachen zweckentfremdet, um Ihnen neues Leben einzuhauchen. Sie alle bekommen feuchte Augen, leichte Zuckungen oder nasse Hände bei dem Gedanken daran, dass es bald schon wieder los geht. Auch den potentiellen Verkäufern entfährt ein kleiner Seufzer der Erleichterung bei dem Gedanken, den Keller, Speicher oder Kleiderschrank von den letzten Andenken an Oma, irgendwie zu eng gewordenen Klamotten oder den verblichenen Erinnerungen an die Jugendzeit zu befreien. Und sobald Jäger und Beute vorbereitet sind, begeben sich beide Parteien frohen Mutes auf das Feld der Entscheidung: Den Flohmarkt.

Betrachtet man die schiere Anzahl und Arten der in München veranstalteten Märkte, deutet alles darauf hin, dass es wohl verdammt viel loszuwerden und von anderer Seite mitzunehmen gibt. Am Riesenflohmarkt auf der Theresienwiese gibt es allerlei Kuriositäten und Schätze zu entdecken, auf dem Kinderflohmarkt an der Münchner Freiheit findet sich einiges was kleine Herzen höher schlagen lässt und wer danach immer noch nicht genug hat, den laden auch dieses Jahr wieder die Anwohner aller Stadtteile ein, ihre Viertel genauer zu erkunden. Liebhaber des gepflegten Schnäppchenjagens haben die Münchner Hofflohmärkte schon lange für sich entdeckt. Nur selten hat man sonst die Möglichkeit, sprichwörtlich hinter die Fassaden zu blicken und so manchen verwunschenen, liebevoll angelegten Garten oder eine gemütliche Ruhe-Oase mitten in der Stadt zu entdecken. Hier kommen nicht nur Liebhaber seltener Stücke sondern auch architektonischer Schmankerl auf ihre Kosten. In beinahe schon familiärer Atmosphäre lässt es sich hier bei aus dem Küchenfenster verkauftem Kaffee und Kuchen über Beute und gekonnte Verhandlungstaktik sinnieren. Und da hier ausschließlich Anwohner berechtigt sind, Geschäfte auf Papas altem Tapeziertisch zu machen, bleibt auch der Unmut über manchmal recht ausgefuchste professionelle Händler außen vor.

Und wenn sich schließlich die Sonne langsam Richtung Horizont neigt und auch die letzten Stände wieder in Kofferraum und Keller verstaut sind, lässt sich der Flohmarktjunkie auf seinem neuen Sonnenstuhl nieder, schlürft Kaffee aus der kaum gebrauchten Meissner Porzellantasse und beschließt zufrieden: „Nächstes Mal samma wieder dabei!“

Dieser Beitrag stammt von unserem Gastblogger Florian Harbeck. Vielen lieben Dank, Flo!

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Bild 2: Mariocopa / pixelio.de