Der Sturm vor der Ruhe. Oder wie war das?

Montagmorgen. Ein penetrantes Geräusch reißt mich weg von Palmen, Strand und Me(h)er. Die Vögel zwitschern bereits und ausnahmsweise mal nicht in meinem Kopf.  Es ist die Zeit der Lerchen. Und ich bin eine Eule.

Eine Stunde später, Ankunft in der Realität – auch Büro genannt.  Die Augen immer noch auf Halbmast, frage ich mich, wie es biologisch möglich sein kann, dass man morgens so müde ist, obwohl man abends –  gerade mal vor ein paar Stunden – noch so fit war. Während mein PC, mein treuer Freund, aufgrund von 180 Updates ebenso langsam in die neue Woche startet, schleppe ich mich mühsam in die Büroküche. Noch auf dem Flur zischt mir eine Lerche entgegen: „Haste meine Mail schon gelesen?“. Man muss dazu sagen, dass die Lerche zu diesem Zeitpunkt bereits seit vier Stunden wach ist, schon eine Runde im Park laufen war, Bikram-Yoga gemacht hat und nach dem Veganen-Power-Start-Frühstück bereits sämtliche E-Mails abgearbeitet hat. Serienmäßig. Ich wische mir den Schweiß von der Stirn und mein Finger sucht den Knopf für die extra große Tasse Kaffee. „Äh, nein. Mein PC und so…“.

Auf dem Weg zum Kopierer eilt eine andere Lerche mit einem Stapel Papier unterm Arm und Klemmbrett in der Hand an mir vorbei und säuselt was von Meeting, Chef, keine Zeit. Ich halte mich krampfhaft an meiner Kaffeetasse fest, um von dem verursachten Wind nicht weggepustet zu werden. Meine innere Anspannung lässt nach. Wohlwissend, dass das der Sturm vor der Ruhe ist. Gegen Mittag wird es nämlich ruhiger im Vogelgehege. Während ich bei meinem zweiten Kaffee über biorhythmus-zerstörende Arbeitszeiten nachdenke, habe auch ich den E-Mailwald gerodet und eine zündende Idee für das neue Projekt. „Hast meine E-Mail mit der Konzeptidee schon gesehen“, schuhuhe ich der Lerche entgegen, als diese etwas matschig aus der Mittagspause kommt. Glanz und Gloria ade. Das Federnkleid ein eher trostloser Anblick. „Kantinenessen. Müde. Kaffee“, höre ich die Lerche leise vor sich hin singen. Die Oper ist vorbei. Wenn der Kollege gegen halb fünf mit der Tastatur knutscht, bereite ich die Pressemitteilung vor, habe schon drei Mailings verschickt und das Konzept ist auch schon an den Chef raus. Ha! Irgendwie hab ich grad nen` Lauf. Meine restliche Energie verwende ich für folgenden, wichtigen Gedanken: Nicht auszudenken, welche ungeahnte Produktivität dem Land bevorstünde, gäbe es eulen- und lerchengerechte Arbeitszeiten. Das wäre vor allem ganz besonders schön – wo wir doch alle im selben Wald leben. Oder?

Weitere Kolumnen von Juli findet ihr hier.