Die Wiesnzelte bei Nacht

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– Eine Fotoserie des Fotografen Michael von Hassel –

So habt ihr die Wiesnzelte noch nie gesehen: Der Fotograf Michael von Hassel hat die Zelte in den letzten Jahren nachts fotografiert und dabei sind erstaunliche und wunderschöne Fotografien entstanden. Mit uns hat er über dieses Projekt gesprochen.

Über Dich?

Ich bin einfach nur der Michi und ich mach‘ gern Fotos.

Über Dich und München?

München ist Heimat, mein stabiler Rahmen aus dem ich komme und in den ich immer gerne zurückkehre. München ist meine Bühne und in diesem Theater spiele ich am liebsten. Auf München kannst Du Dich verlassen, „weil des hamma imma scho so g’macht!“ Berlin ist aufregender, aber es ist mehr als beruhigend um München zu wissen. Nur mein liebes München, Du bist zu Höherem berufen. Du könntest so viel mehr aus Dir selbst machen. Du müsstest Dich nur mal auf Deine eigenen Sterne besinnen und nicht immer nur die Stars aus der Welt hierher einkaufen. Du kannst noch viel mehr! Echt!

Dein München. Eine Empfehlung?

Café Nymphenburg am Viktualienmarkt und natürlich der Moarwirt, weil man muss auch mal raus aus der Stadt.

Du hast letztes Jahr die Wiesn-Zelte bei Nacht fotografiert – wie kam es dazu?

Mit einer Wirtsfamilie bin ich seit langem gut befreundet. Irgendwie entstand die Idee, deren Zelt in der Nacht zu fotografieren. Das hat vorher noch nie jemand gemacht oder überhaupt jemand angefragt. Die Bilder wurden unglaublich gut und die Sammler waren begeistert. Eines hängt heute z.B. in Mailand in einem herrlichen Palazzo. Nach diesem ersten Zelt kam dann die Überlegung, auch die anderen Zelte nachts zu fotografieren.

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Wie muss man sich den Ablauf dieses Projektes vorstellen?

An die Wirte kommt man natürlich nur schwer ran. Aber mein Festzeltwirtsfreund hat alle anderen angeschrieben und ein weiterer Münchner Gastronom hat mit mir alle anderen Wirte besucht. Ohne deren Hilfe wäre es wohl nicht gegangen.. Die Wirte waren alle sehr erstaunt und fanden die Idee durchweg gut. Ich habe dann von den Wirten die Handynummern der Sicherheitschefs bekommen, damit ich daraufhin am jeweiligen Termin die Nummern der jeweiligen Nachtwächter bekommen konnte.

Wenn du dann nachts um 3 oder 4 Uhr über die Wiesn läufst, kann das schon auch ein komisches Gefühl sein. Als ich dann in den Zelten angekommen war, war es erstmal eine Herausforderung das Licht anzubekommen. Teilweise gibt es dafür lediglich einen Schalter, in anderen Zelten dann aber wieder Computer mit Sicherheitscodes etc.

Und dann musst du erstmal den Raum erfassen und überlegen, wie du dein Bild aufbauen möchtest. Teilweise habe ich dafür komplette Zelte umgeräumt oder alleine erstmal alle Bänke von den Tischen gestellt…

Was war das für ein Gefühl nachts in den Zelten, in denen ja sonst Einiges los ist?

Es ist eine ganz besondere Erfahrung. Ich bin fast jede Nacht raus. Oft hat’s geregnet, war kalt und dir begenet schon so manch dustere Biergestalt. Da machst Du Dir schon so Deine Gedanken.. Ist es sinnvoll mit der teuren Ausrüstung so ganz alleine hier herum zu laufen? Aber der erste Eindruck täuschte. Nachts triffst Du ganz wunderbare Menschen aus der Wiesn. Und bist Du dann ganz alleine im Zelt, herrscht einfach nur Ruhe und Frieden. Phaszinierend. Man trifft Nachtwächter, die die großen Philosophen lesen, Gedichte schreiben oder sticken – einfach toll!

An einem anderen Tag, als ich um 4 Uhr in der Früh ins Hackerzelt wollte, standen schon die ersten Leute in der Schlange an, um ins Zelt zu kommen und die Leute wollten mich nicht vorbeilassen, weil sie ja vor mir in der Reihe standen. Das kann dann schon auch sehr lustig sein.

Insgesamt würde ich sagen, dass ich eine ganz andere Seite dieser Münchner Tradition kennengelernt habe.

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Mit welcher Fototechnik fotografierst du?

Ich mache meistens mehrere Fotos, die ich dann übereinanderlege bzw. ich belichte mehrfach in dieselbe Fotodatei hinein, wodurch der Hyper-Realismus in meinen Bildern entsteht.

Bist du ein Wiesnfan?

Definitiv! Die Wies‘n ist etwas Einzigartiges in der Welt, das unglaublich viele Leute zusammenbringt und dabei den Rahmen für viel Menschlichkeit im positiven sowie negativen Sinne bietet, sei es für Liebe, für Streit oder um Geschäfte abzuwickeln. Es ist ein spannendes Phänomen und ein großes Aushängeschild für München und die Region in der Welt – das Oktoberfest kennt man einfach überall. Im Laufe der Jahre bin ich aber wirklich Fan der Menschen geworden, die dort arbeiten und das Ganze über die Jahre hinweg aufgebaut haben.

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Vor kurzem kam dein erstes Fotobuch Compendium heraus. Wie kam es dazu und was ist das für ein Gefühl?

Ich kenne den Verleger schon sehr lange und die Idee entstand im Laufe der Jahre. In einer Zeit, in der Bücher nicht mehr die einfachsten Produkte sind, finde ich es toll, dass jemand noch so schöne Bücher macht und so viel Vertrauen in mich und meine Kunst steckt. Zudem haben viele bedeutende Kunsthistoriker und Kritiker Beiträge in meinem Buch geschrieben. Jedes Kapitel bildet eine Serie. Am Schluss des Buches befindet sich eine Dankesliste, bei der es mir sehr wichtig war, wirklich jeden zu nennen, der mich auf meinem bisherigen Weg unterstützt hat.

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Michaels tolles Buch könnt ihr euch hier bestellen: Compendium (Limited Edition). Michael wird von der wichtigsten deutschen Fotokunstgalerie CAMERAWORK vertreten und arbeitet mit der Galerie Reygers in München und Anke Degenhardt in Hamburg zusammen. Er hat zudem Vertretungen in Kitzbühel, Salzburg, Frankfurt, Köln, Bregenz, Moskau, Dubai und Istanbul.

Vielen lieben Dank für das Interview und die interessanten Einblicke in die Wienszelte, die du uns mit deinen Fotografien gewährst!