Jessica Dettinger über die Verbindung von Mode und Kunst

Kunst im Museum ist nichts Neues mehr. Die Grenzen von Kunst und Mode verschwimmen immer mehr.  Die Entwürfe von Jessica Dettinger weisen keine Abgrenzungen mehr auf. Aber nicht nur diese Grenze, sondern auch die Genderfrage ist aufgehoben, da sie daran interessiert ist, neue Bilder zu schaffen. Ihre Kleidung ist oft geprägt von einer surrealistischen Anmutung – Antiform – oversized und Unisex. Wir hatten die Möglichkeit, Jessica ein paar Fragen zu stellen.

Über Dich?

Mein Name ist Jessica Dettinger. Ich bin konzeptuelle Modedesignerin und Künstlerin. Unter meinem Label “Form of interest.” realisiere ich interdisziplinäre Projekte, die von reiner Kleidung bis hin zu Video reichen. Mode hat für mich einen hohen gesellschaftlichen Wert in Bezug auf soziologische und philosophische Fragen. Sie vermag Fragen zu stellen, zu dekonstruieren und zu ordnen. Es geht mir dabei um weit aus Mehr als nur das System der Mode zu nutzen – welches mehr beinhaltet als reine Kleidung.

Über Dich und München?

Ich lebe seit November 2010 in München. Direkt nach meinem Studium an der Hochschule für Gestaltung in Pforzheim entschloss ich mich nicht in die Modeindustrie zu gehen – sondern mich als Color&Trim Designerin bei BMW zu bewerben. Ich liebe München und die Ruhe, die diese Stadt ausstrahlt. Zu Anfang dachte ich, oh weh es ist schon ganz schön engstirnig hier – aber ich kann damit umgehen und es kommt eben darauf an, die richtigen Menschen kennen zu lernen. Andere Städte scheinen interessanter aber sind meiner Meinung nach nur noch ein Abbild eines sich selbstzerstörenden Molochs. Darüberhinaus braucht man, um kreativ zu sein Ruhe – zumindest ich. Dafür sind mir die Natur und die Berge eine gute Referenz … Ich fühle mich sehr wohl hier … man kann immer auch gehen … ein Stadt ist immer nur das, was man selbst daraus macht …..

Dein München. Eine Empfehlung?

Haus der Kunst … Sammlung Goetz … Wasserspeicher (Englischer Garten)

Seit wann gibt es Dein Label „Form of interest.“ und wie kamst Du auf die Idee?

Mein Label gibt es seit Juli 2014 und es entstand eher aus Zufall. Ich wollte immer einen Master machen, am Royal College of Arts in London. Um mich dort zu bewerben, musste ich neue Projekte vorweisen. Daraufhin fing ich an eine Kollektion zu entwerfen.

Ich hatte nie vor ein Label zu gründen – dachte aber damals vor allem durch den Zuspruch lieber Menschen, die mich unterstützten, warum nicht – und so nahm ich den Namen “Form of interest.” den ich mir schon während des Studiums ausgedacht hatte. Er bedeutet “eine Form / Art und Weise des Interesses für die Welt “ und war damals schon konzeptionell ausgerichtet.

Den Platz am Royal College of Arts für den Master Fashion Menswear habe ich bekommen – werde das Studium aber nicht antreten. Meine Motivation ist nicht Erfolg, sondern dass zu machen was ich liebe und Menschen zu berühren.

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Wenn man sich genauer ansieht was Du konzipierst, vermischt sich das Thema Kunst und Mode in Deinen Entwürfen. Gibt es eine Trennung zwischen beiden Sparten und wann würdest Du von Kunst oder Mode sprechen? Wie ergänzen sich die Bereiche Mode, Kunst und Design?

Mode ist mehr als nur Kleidung. Wenn Mode nur Kleidung ist, würde ich nicht von Kunst sprechen. Ich denke, dass es überholt ist zu sagen, dass Kunst eine für sich stehende Disziplin sei, da es hierbei ja ausschließlich um das Ergebnis eines kreativen Prozesses geht. Kunst stellt für mich eine Tätigkeit dar, die auf Wissen, Wahrnehmung, Vorstellung, und Intuition basiert. Im weitesten Sinne kann alles Kunst sein – auch jeder Mensch ein Künstler, so lange er für sich entscheidet, sich durch ein Medium mitzuteilen. Es geht darum Fragen zu stellen und zu irritieren. Dieser Aspekt ist für mich in Bezug auf Kunst ausschlaggebend. Der Sachverhalt einer nonverbalen Kommunikation. Das klassische Design, als Form einer anderen Tätigkeit, ist eher darauf bedacht Fragen zu beantworten. Eine gezeichnete Linie oder ein konzeptuelles Werk erzählt viel mehr darüber, wie ein Mensch sich im Kontext der Welt sieht und verortet. Viel zu sehr wird unter Kunst verstanden “etwas gut zu können” – das mag in der Vergangenheit, bei den großen Malern so gewesen sein – aber nach meiner Ansicht ist diese Denkweise nicht mehr zeitgemäß. Was Kunst sicherlich trennt von anderen Tätigkeiten, ist, das Sich-Auseinandersetzen (oft) mit einen biografischen konstruierten Hintergrund des jeweiligen Subjekts. Dafür Mittel und Weg zu finden und es einem Publikum darzubieten. Ein narrativer Hintergrund, der in ein Medium umgewandelt wird. Der Zweck ist hier oft unbestimmt und unsicher, aber ein innerer Wunsch (Drang). Dabei steht der Selbstzweck vor dem fremdbestimmten Zweck (wie es bei anderen Tätigkeiten der Fall ist). Aus sich heraus in Eigenmotivation etwas schaffen, ist das was Kunst für mich bedeutet. Das Ergebnis muss nicht immer verstanden noch zielführend sein – dennoch beschreibt es einen Prozess des Sich-Interessierens und Verortens in der Welt.

Wann ist es Mode und wann ist es Kunst?

Definiert man Kunst im engeren Sinne als Tätigkeit eines kreativen Prozesses ohne eindeutige festgelegte Funktion – lässt sich hier schon ein gravierender Unterschied feststellen. Design sollte nach meiner Ansicht – immer einen eindeutigen Zweck erfüllen – sei er auch noch so philosophisch, gerade in einer von Konsum überfluteten Welt ist das die Verantwortung eines Designers. Ich selbst bewege mich hier im Spannungsfeld meiner eigenen Designwelt als freie Modedesignerin und Künstlerin mit konzeptuellem Hintergrund und der Fremdbestimmung von außen.

Leider stellt man fest, dass auch Kunst mittlerweile aus dem Konzept der Selbstreflexion gehoben wird und auf dem Kunstmarkt funktionalisiert wird – darum löst sich der Aspekt hier auf. Die Berufsfelder mischen sich für mich und lassen sich nicht klar trennen, da sie sich gegenseitig ergänzen und entwicklen und auf Selbstreflexion im Abgleich mit der Umwelt basieren. Da Mode mehr als Kleidung ist – kann dies auch auf diesen Bereich übertragen werden, sobald die konzeptuellen Aussage von der Funktion des Marktes entkoppelt wird. Für mich geht es viel mehr um eine Art “cultural study” in der sich Design, Kunst, Medien, Mode und Wissenschaft beeinflussen. Es sind Prozesse des Suchens, des Findens und Fragens. Das Ergebnis oder Produkt, welches als Sinn geschaffen wird sind Kulturprothesen, die in ästhetischer und inhaltlicher Hinsicht darauf verweisen was Menschen zu welcher Zeit zu welcher Epoche bewegt. Da ich mich bis auf die Collage kaum noch selbst im klassischen Sinne Kunst praktiziere und selbst viel mehr an Interaktion – Installation und Performance interessiert bin – lässt sich hier die Brücke zu Mode und Modedesign schlagen. Mode ist nichts anderes, als eine performanceartige Installation. Die Kleidung wird zum Objekt, welches als Teil einer Installation (Laufsteg – Video – Editorial) verbildlicht wird. Die Übergänge der einzelnen Disziplinen sind dadurch fließend und kaum fassbar. Diese radikale Grundaussage beinhaltet ja auch der Name meines Labels “Form of interest.”, sich zu interessieren egal in welcher Form durch welches Medium es verbildlicht – versinnlicht wird. Die Schemata der Systeme lassen sich nicht mehr in enge Berufsfelder einordnen – sondern alles vermischt sich potentiell. Durch dieses Spannungsfeld befruchten sich die Bereiche gegenseitig – da man sich selbst und die Position, die man einnimmt immer wieder neu definieren muss. Am Ende ist ja eh alles nur eine Definition – und Darstellungssache mit anderen Methoden. Was mich bewegt und berührt ist der rote Faden egal in welchem Berufsfeld. Kollaboration, ein Begriff, der das ‚OFF‘ an sich bezeichnen könnte.

Wie würdest Du Kollaborationen in Deiner Umgebung beschreiben oder beurteilen?

Die Art und Weise sich durch Kollaborationen zusammen zuschließen,

Wo kann man Deine schönen Produkte kaufen?

Im Moment auf Anfrage und in meinem Online Shop, in der B – Lage in Hamburg oder in der Parke 6 in München. Da ich mich nun entschieden habe „Form of interest.“ mit mehr Konzentration zu machen, werden sicherlich noch einige Shops hinzukommen.

Vielen Dank für Deine Zeit Jessica.

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Fotos © Raphael Krome